Ninas Schmierblo(g)ck

Konservierungsmittel...

Was bleibt?

Geschrieben von Nina • Donnerstag, 12. Februar 2015 • Kategorie: privates

Es war noch früh am morgen aber an dem Hauseingang standen schon Möbel zur Abholung bereit. Holzwände von Schränken und Regalen, die offensichtlich gewaltsam zerlegt worden waren. Demnach war das hier kein Umzug sondern eine Entrümpelung. Der weiße Transporter vorn an der Straße bewies diese Annahme mit seinem Aufdruck, der um schnelle, kostengünstige und wertberücksichtigende Wohnungsentleerungen warb.

Mein Blick glitt die Fenster des Hauses entlang. Um welche Wohnung geht es wohl hier? Rechts unten war Licht, aber es hingen auch Gardinen am Fenster. Eher ein gutes Zeichen. Gardinen waren allerdings auch an allen anderen Stockwerken. Ich hörte eine Tür im Treppenhaus zufallen und schaute auf die Treppenhausfenster um zu sehen, aus welcher Etage nun vielleicht Arbeiter kamen. Doch aus der beleuchteten Wohnung unten rechts. Dort, wo immer eine alte Frau am Fenster gestanden hat, um zusammen mit ihrem vereinsamten Wellensittich die Leute zu beobachten, die den schmalen Waschbetonpfad neben den Hauseingängen und der Garagenwand entlanggingen. Jeden Abend gegen 18 Uhr wurde das Vogelfenster durch eine Jalousie geschlossen. Jetzt war diese geöffnet und der Käfig verschwunden. Eine Deckenlampe aus braunem Glas beleuchtete das ansonsten bereits leergeräumte Zimmer, dessen Inhalt nun auf dem Gehsteig vorm Transporter stand. Korbstühle, Rattankörbe und ein gesticktes Reiterbild in einem massiven Eichenrahmen. Eine Kommode. Ein Vogelhäuschen auf drei Beinen, dass sicherlich in ihrem kleinen Garten gestanden hat.

Ein großer, blonder und ein kleiner, dunkelhaariger Entrümpler schoben unberührt Möbelleichenteile in Richtung Transporter. Das bleibt von einem Leben übrig, wenn man gegangen ist? Müll, der von Fremden zerlegt und abtransportiert wird?

Ist die alte Frau wirklich gestorben oder nur ins Altersheim umgezogen? Und was ist mit ihrem nun noch einsameren Vogel passiert?

Ich habe sie doch gerade noch, vielleicht letztes oder vorletztes Wochenende, vorne an der Straße stehen sehen!

Ein bisschen hat sie mich immer an meine Oma erinnert, die viele Jahre lang Geschichten aus ihrer Nachbarschaft erzählte, immer mit den Worten „Ich stand grad' zufällig am Fenster,...“

Bis sie eines Tages nicht mehr am Fenster stehen konnte.

Das Leben ist sicher nicht immer nur schön. Aber das es einmal enden wird, und nichts von einem bleibt, außer die Erinnerung in den Menschen, die einen gekannt haben, darüber möchte ich auch nicht allzu lange nachdenken.

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1 Kommentare

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  1. Der Eintrag macht mich nachdenklich, denn er zeigt mir auf, was gerne verdrängt wird. Aber wahrscheinlich werden die normalen Verdrängung-Mechanismen bald wieder greifen.

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