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Die Woll-Wäscherei und Kämmerei WW&K

Geschrieben von Nina • Sonntag, 31. Dezember 2006 • Kategorie: Rund um Hannover


WW&K



Die Döhrener "Wolle" wurde sie genannt und sie hat viel prägendes im Stadtbild Döhren hinterlassen.
1867/68 wurde sie, damals noch unter dem Firmennamen "Georg Stelling. Gräber & Breithaupt", von Johann Georg Ludwig Stelling als mechanische Wollwäscherei gegründet. 1872 wurde die Firma zur Aktiengesellschaft umgewandelt. Ihr Generaldirektor war für lange Zeit (1872 - 1924) der Wollkaufmann Georg Heintze, der die Wollwäscherei um eine Kämmerei erweiterte. So entstand dann auch der Name: Woll-Wäscherei und Kämmerei, WW&K. Aus dem kleinen Unternehmen wurde innerhalb weniger Jahrzehnte eine weltweit bekanntes Werk mit bis zu 2000 Beschäftigten.

So viele Arbeitskräfte waren natürlich nicht in Döhren zu finden, auch das Einzugsgebiet um Hannover herum reichte nicht aus. Daher wurden unter anderem viele Menschen aus der ärmlichen Gegend rumd um das Eichsfeld angeworben, die sich hier oft auch niederließen und ihre Spuren in der Stadtentwicklung hinterlassen haben.

Wohnungen waren ebenso wie Arbeitskräfte in nicht mal annähernd ausreichender Anzahl vorhanden. Die Wolle sorgte mit einem Wohnungsbauprogramm für eine Linderung dieses Problems. So sind in den Jahren von 1880 bis 1914 die Bebauungen an der Werrastraße, Westerstraße, Emsstraße, Allerstraße und Rheinstraße entstanden. "Döhrener Jammer" nannte man diesen Bereich, wobei nicht klar ist, ob man dort so ärmlich wohnte, daß man Jammern musste oder ob die Bewohner nur jammerten, wenn sie von hier wieder zurück ihn ihre Heimat mussten. Fest steht jedenfalls, daß die Siedlung als typische Arbeitersiedlung der Jahrhundertwende unter Denkmalschutz gestellt worden ist. Fest steht weiterhin, daß die Lebenssituation vieler Arbeiter der Wolle aufgrund der geringen Löhne tatsächlich eher ärmlich war.



Die hier gezeigten Häuser in der Werrastraße wurden in den ab 1981 von Privatleuten saniert und wiederhergestellt. Die kleinen Reihenhäuser, von der Wolle für ihre Mitarbeiter gebaut, waren ursprünglich für eine fünf-köpfige Familie gedacht, welche selbst im Erdgeschoß wohnt und im Obergeschoß weiteren vier oder fünf Arbeiter/-innen eine Wohngelegenheit bot. Der Blick aus meinem Wohnzimmer fällt auf diese kleinen, roten Arbeiterhäuschen und die roten Mauer um ihre kleinen Gärten, die es in den Anfangsjahren noch gar nicht gegeben hat.

Neben dem Wohnungsbauprogramm sorgte die Wolle noch in vielen anderen Bereichen dafür, daß es ihren Arbeitern und deren Familien gut ging. So gab es einen Kolonienwaren- und Lebensmittelladen, der seine Waren zum Selbstkostenpreis abgab, eine Werksküche mit Kasino, ebenso Badeeinrichtungen für Betriebsangehörige und ihre Familien, eine Bücherei, eine Kinderbetreuung, einen kostenlosen Betriebsarzt und eine eigene Krankenkasse. Auch eine Werksfeuerwehr ließ die Wolle (1881) errichten, zuständig nicht nur für das Fabrikgelände sondern für ganz Döhren! 1909 wurde für diese der Uhrturm gebaut, der noch heute eines der Wahrzeichen Döhrens ist. Die ehemaligen Lagerhallen neben ihm wurden, ebenso wie das gegenüberliegende ehemalige Pförtnerhaus, nach dem Schließen der Wolle in Wohnungen und Büros bzw. Praxen umgebaut und die daran anschließende neue Bebauung im gleichen Stil gehalten.



Im zweiten Weltkrieg wurde die Wollwäscherei und Kämmerei durch Bombenangriffe stark beschädigt, 2/3 der Produktionsmaschinen wurden hierbei zerstört. Aber bereits 1953-55 lief die Produktion wieder in der Höhe, die sie vor dem Krieg hatte. Auch die Veränderungen in der Textilindustrie, das Umstellen der Produktion von Streichgarnprodukten auf Chemiefastern und Synthetik hat das Werk gut überstanden. Gewinne erwirtschaftete die Wollkämmerei bis zum Ende ihrer Firmengeschichte 1972!

Das Ende der Wolle

Es begann mit einer Reihe von nie geklärten Bränden in den Monaten August bis Oktober 1969. Allein am 28.10.1969 wurden Hallen und Vorräte im Werte von über 20 Mio Mark vernichtet. Kurz danach trat ein unbekannter Investor bzw. eine Investorengruppe auf den Plan und kaufte im Frühling 1972 75% des Aktienkapitals der Wollwäscherei auf (für 8 Millionen DM). Diese Gruppe setzte den Textilkaufmann Dr. Ulf Cloppenburg an die Spitze der AG, der nur die kurze Zeit (vom 13. April 1972 bis zum 23. November 1972) benötigte, bis er, in einer kurzen Pressemeldung, die Schliessung des Werkes verkündete: "Die Kämmerei Döhren AG wird in den nächsten Wochen ihre Produktion in Hannover nach und nach einstellen. Die mit Kunden eingegangenen Kontrakte werden voll erfüllt."

Was war passiert? Die Wolle war Spekulationsobjekt geworden. Für 55 Millionen DM sind ihre Grundstücke und Gebäude an die "Neue Heimat" verkauft worden, die Produktionsanlagen brachten weitere 10 Millionen in die Taschen der Aktionärsgruppe. Die Wollwäscherei blieb bis zum Konkurs 1979 Aktiengesellschaft und fast das gesamte Werksgelände sind dem Erdboden gleich gemacht worden. Auch das Archiv des Werkes hat Dr. Cloppenburgs Bestrebungen nicht wiederstehen können und sind vernichtet worden. Ein wenig Licht in das Dunkel einiger der damaligen Firmenverstrickungen und der Weg des durch den Verkauf der Wolle erwirtschafteten Geldes bringt dieser Artikel von 1974 in der Zeit.

Schade ist es um die Wolle, auch wenn natürlich niemand weiß, wie und ob es diesen Betrieb ohne den "Textilsanierer" Cloppenburg (übrigens Angehöriger der Textilfamilie Cloppenburg, den Meisten wenigstens durch Peek & Cloppenburg bekannt) und die unbekannten Aktionäre im Hingergrund noch geben würde. Die vielen Bewohner der Leineinsel, die auf dem ehemaligen Fabrikgelände heute ihre Wohnungen und Häuser haben, sind zumindest sicher nicht allzu traurig und auch mir gefallen die Wohnhäuser direkt am südlichen Leinetal natürlich viel besser als lärmende und wahrscheinlich auch nicht sonderlich gut riechende Fabrikgebäude. Und auch wenn vieles nicht zu retten war und manches nicht gerettet wurde, so sind die wenigen Stellen, die an die hundertjährige Geschichte der Wollwäscherei und Kämmerei erinnern, ziemlich hübsch geworden. Das Leinewehr zum Beispiel, 2004 frisch umgebaut, oder das Brückenhaus und natürlich der Uhrturm, das Pförtnerhaus und die daran anschließenden Häuser.



Weitere Links:
Die Wolle bestimmte das Leben in Döhren Uhrturm.de

Quelle der Postkartenansicht der Wolle: 1000 Jahre Döhren, 983-1983, 1. Auflage 1983, Hoffmann und Kaune Verlag, Hannover

Weitere Einträge zur Geschichte Döhrens:
- Geschichtliches - Döhren
- Döhrener Turm
- Die alte Mühle und das Leinewehr

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